Wenn Sterben nicht gleich Leiden ist

Ein anderer Blick auf Abschied, Euthanasie und natürliche Sterbebegleitung

Wenn ein Tier schwer erkrankt ist oder sich dem Lebensende nähert, taucht bei vielen Tierhaltern ein Gedanke ganz von selbst auf:

 

„Ich will nicht, dass mein Tier leidet.“

 

Das ist verständlich. Das ist menschlich. Und gleichzeitig liegt genau hier oft ein Denkfehler. Denn viele Menschen setzen unbewusst gleich: Sterben = Leiden. Und genau das stimmt nicht.

 

Sterben ist kein Notfall

Sterben ist kein Moment. Sterben ist ein Prozess. Ein Prozess, der sich zeigt durch Rückzug, verändertem Verhalten und körperlichen Abbau.

 

Das wirkt für uns schnell bedrohlich und wird dann oft vorschnell als „Leiden“ bewertet. 

 

Aber:

Nicht jedes Schwächerwerden ist Schmerz.
Nicht jeder Rückzug ist Qual.
Nicht jedes Anderssein ist Leiden.

 

Ein Tier kann sich im Sterbeprozess befinden und trotzdem ruhig, klar und ohne Schmerzen sein.

 

Euthanasie – sinnvoll, aber nicht immer notwendig

Die Möglichkeit, ein Tier einzuschläfern, wie wir sie heute kennen, gibt es noch gar nicht so lange. Erst mit der modernen Tiermedizin im 20. Jahrhundert wurde es möglich, gezielt und kontrolliert in den Sterbeprozess einzugreifen.

Seit den 1950er–1970er Jahren hat sich das immer mehr etabliert. Und der ursprüngliche Gedanke war richtig: Leiden beenden. Aber heute erlebe ich oft etwas anderes.

Wenn die Angst Entscheidungen trifft

Was ich in der Praxis immer wieder sehe: Viele Entscheidungen entstehen nicht aus dem tatsächlichen Zustand des Tieres, sondern aus der Angst des Menschen. Die Angst davor, nicht zu wissen, was kommt, nicht eingreifen zu können, den Prozess nicht kontrollieren zu können. Und diese Angst wird dann übersetzt in: „Mein Tier leidet.“

Was Tiere anders machen

Tiere gehen anders mit Sterben um. Sie ziehen sich zurück, passen sich an, nehmen den Zustand an und kämpfen nicht gegen das Unvermeidliche. Und vor allem bewerten und dramatisieren sie ihren Zustand nicht. Sie sind in der Akzeptanz dessen, was ist.

Begleiten statt vorschnell beenden

Es gibt am Lebensende eines Tieres zwei Wege:

 

  1. Euthanasie – wenn echtes Leiden vorhanden ist
  2. Begleitung – wenn der Körper loslässt, aber kein Leid besteht

 

Und genau hier braucht es Klarheit. Nicht das augenscheinliche Aussehen oder unsere Angst entscheidet, sondern, ob

  • das Tier ruhig wirkt, 
  • es Schmerzen hat, 
  • es sich einfach nur zurückzieht, 
  • ihm übel ist oder 
  • es einfach nur „weniger wird“.


Abschied beginnt lange vor dem letzten Atemzug

Viele glauben, Abschied passiert in dem Moment, in dem das Tier stirbt. Das stimmt nicht. Der Abschied beginnt viel früher:

 

  • wenn das Tier sich verändert
  • wenn Gewohnheiten verschwinden
  • wenn das Leben leiser wird

 

Abschied ist ein Prozess 
für beide Seiten.


Der Unterschied zwischen einem schnellen und einem echten Abschied

Ein Tier beim Tierarzt einschläfern zu lassen, ist oft ein sehr schneller, klarer Moment. Das kann richtig sein. Und in vielen Situationen ist es das auch, aber es ist kein gewachsener Abschied, sondern ein beendeter Zustand/Moment, der nicht selten im Nachhinein zu Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen führt. Häufig werden Menschen damit nicht fertig, die Entscheidung getroffen zu haben, dem Tier das Leben genommen zu haben, auch wenn dies aus Liebe und zur Vermeidung von Leid geschah. Der Zweifel und die Schuld nagt oft ein lebenlang.

 

Ein ruhiger Abschied entsteht im Prozess, im gemeinsamen Durchgehen, im „Wenigerwerden“ und ist ganz sicher extrem anstrengend, aber im Nachhinein tief erfüllend.

 

Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig zu sagen:

Es gibt Erkrankungen und Situationen, in denen ein Tier tatsächlich leidet – sei es durch starke Schmerzen oder unkontrollierbare Beschwerden. In solchen Fällen kann Euthanasie ein verantwortungsvoller und liebevoller Schritt sein, um weiteres Leiden zu verhindern. Natürliche Sterbebegleitung bedeutet für mich daher nicht, einen Prozess um jeden Preis „laufen zu lassen“, sondern immer wieder genau hinzuschauen: Was braucht dieses Tier jetzt, in diesem Moment und danach zu handeln, wenn handeln nötig ist.

Warum ich natürliche Sterbebegleitung für so wichtig halte

Weil sie dem Tier Raum gibt, seinen eigenen Weg zu gehen und in seinem eigenen Tempo Abschied vom Leben und von seinem vertrauten Zuhause zu nehmen. 

Weil sie dem Halter Raum gibt, zu verstehen, innerlich mitzuwachsen und den Abschied bewusst zu erleben, getragen von dem Gefühl, nichts versäumt zu haben. 

Weil sie auch dem Tierarzt oder der Tierärztin Raum lässt, ein Leben nicht aktiv beenden zu müssen. 

Mein Ansatz

Ich arbeite nicht gegen den Prozess, ich arbeite mit ihm. Ich unterstütze dort, wo Unterstützung nötig ist:

 

  • bei Unruhe
  • bei Übelkeit
  • bei Schmerzen

 

Und ich lasse Raum, wo nichts „gemacht“ werden muss, denn 

Sterben ist kein Problem, das gelöst werden muss. 
Es ist ein Weg, der begleitet werden darf.

 

Wenn du dich in dieser Situation befindest und unsicher bist, welcher Weg für dein Tier der richtige ist, begleite ich dich dabei, genauer hinzuschauen, ohne Druck, ohne vorschnelle Entscheidung, aber mit Prüfung der Faktenlage, mit Klarheit und Ruhe. Diesen Weg musst du nicht alleine gehen!

 

  

© Marion Frömming 

Tierheilpraktikerin 

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